Lila, Silber, Gold und Bronze – eine Weihnachtsgeschichte

„Nichts gegen die Family, ehrlich. Aber ich bin froh, dass ich mich dieses Jahr rausgenommen habe. Nach all dem Stress …“ Sanne stöhnt leise und streicht eine Haarsträhne hinters Ohr. Angemessen betrübt wirkt das auf dem Monitor, kein bisschen familienüberdrüssig, stellt sie zufrieden fest. Der Nagellack schimmert dezent, als sie den lockeren Rollkragen zurechtrückt.
„Ich find’s schade. Heiligabend ohne meine kleine Schwester mag mir nicht in den Kopf.“ Bille sieht aus, als hätte sie dicke Backen bekommen. Und ein fieses Doppelkinn. Ist das die endgültige Metamorphose zum Muttertier, oder liegt es an ihrer billigen Webcam?
Videocalls sind gnadenlos, zum Fremdschämen manchmal. Sanne hat schnell gelernt, sich makellos zu inszenieren. Der platinblonde Pixie-Cut betont ihre Wangenknochen, die Ohrstecker blitzen, wenn sie den Kopf ein wenig dreht, der lichtgraue Kaschmirpullover schimmert weich. Die Coolness in Person.
„Sanne?“ Ein Fragezeichen steht in Billes Hamstergesicht. „Ob ich dich noch umstimmen kann, hab ich gefragt.“
„Sorry, ich war kurz abgelenkt.“ Hitze steigt in Sanne hoch. Zum Glück sitzt das Make-up, und die Ringlampe leuchtet ihr Gesicht perfekt aus. Bille bemerkt sicher nicht, dass ihrer Schwester der Aussetzer peinlich ist. „Bisschen viel Stress in letzter Zeit.“
„Ach du! Immer nur Arbeit!“ Bille wiegt ihren Kopf. Sie rückt näher an die Kamera, als könnte sie ihre Schwester dadurch besser sehen. „Blass schaust du aus. Geht’s dir denn gut?“
„Keine Sorge, alles in Ordnung.“ Sanne lächelt routiniert. „Die Ruhe über die Feiertage wird mir guttun.“
„Die Kinder werden dich auch vermissen. Pia ganz besonders.“ Ihr Patenkind, klar. Bille weiß den Druck subtil zu erhöhen.
„Das tut mir schrecklich leid, ehrlich.“ Sanne senkt den Blick, um zerknirscht auszusehen, und blickt wieder in die Kamera. „Ich bin in Gedanken bei euch. Und du hast den beiden in meinem Namen etwas Schönes gekauft, ja?“
„Natürlich! Noise-Cancelling-Kopfhörer für Jonas und einen beleuchteten Tag-und-Nacht-Globus für Pia. Sie hat’s mit fremden Ländern, wie du. Tausend Dank, dass du so großzügig warst. Aber es ist etwas anders, als wenn du bei uns wärst.“ Ihr Doppelkinn wackelt, als Bille traurig den Kopf schüttelt.
„Nächstes Jahr wieder, versprochen.“ Sanne kreuzt unter dem Tisch die Finger. In zwölf Monaten können sich eine Menge Ausreden ergeben.
„Aber fühlst du dich denn nicht schrecklich einsam? So allein in deiner Wohnung, an Heiligabend?“ Da ist sie, die Frage aller Fragen.
„Keine Sorge, ich mache es mir schön. Ganz piano natürlich.“ Sie hält die Piccoloflasche Veuve Cliquot vor die Kamera und zwinkert verschwörerisch. „Ans Christkind glaube ich sowieso nicht mehr. Und Weihnachten ist doch längst nur noch Völlerei und Konsum.“
Bille macht große Augen. Sanne bedauert den letzten Satz sofort. „Sorry“, schiebt sie nach. „Ich bin wirklich überarbeitet.“
„Dabei habe ich extra lila Christbaumkugeln gekauft“, sagt Bille leise. „Und silberne und goldene. Nur in Bronze gab’s keine.“
Sanne schlägt spontan die Hand vor den Mund und legt sie dann an ihren Halsansatz. Die Geste sieht zum Glück nicht lächerlich aus. „Wie früher?“
„Bronze. Verrückt, was wir mit Weihnachten verbinden, nicht?“
Sanne lacht los, ohne nachzudenken. „Wir kannten den Farbton schon, bevor er als Gerade-noch-okay-Platzierung bei der Olympiade berühmt wurde.“
Bille kichert und sieht plötzlich aus wie immer. Die liebevolle, häusliche, ein bisschen zu rundliche Bille. Sie hält eine Hand direkt vor die Kamera und spreizt die Finger. Am Ringfinger blinkt der viel zu enge Ehering. „Ich habe Strohsterne gebastelt, stell dir vor, mit diesen Wurstfingern. Und ich hätte sogar echte Kerzen gekauft, aus Bienenwachs. Aber Torsten hat mich zurückgehalten. Wir wollten hier schließlich nichts abfackeln, meint er.“
Bilder und Gerüche materialisieren sich wie von selbst um Sanne und schieben sich vor ihren Widerstand. „Mama hat ihre Kerzen früher mit Argusaugen bewacht, weißt du noch?“
„Der blaue Putzeimer mit Wasser stand immer in Reichweite. Sehr romantisch! Und ab dem zweiten Weihnachtsfeiertag war’s vorbei mit dem Kerzenlicht.“
„Gibt’s denn auch Würstchen und Kartoffelsalat?“
„Aber hallo! Und zwölf Sorten Plätzchen, alle unsere Lieblinge. Spitzbuben, Engelsaugen, Zimtmakronen, Lebkuchen. Sogar deine Walnusstaler.“ Bille nickt geschäftig. „Ohne all das wär’s doch kein Weihnachten!“
Sanne presst die Hand auf den Bauch und lächelt angestrengt. Ihr Magen knurrt so vehement, als wollte er ihre Zweifel endgültig in die Flucht schlagen. „Und … singt ihr auch?“
„Was für eine Frage! Mindestens ‚O du fröhliche‘ und ‚Stille Nacht“. Dieses Mal spielt Pia auf der Blockflöte, und Jonas muss mit der Gitarre ran.“
Sanne rückt ein Stück näher an die Kamera. „Lieben sie das so sehr wie wir beide früher?“
„Mindestens.“ Bille nickt grimmig. „Aber für irgendwas müssen die teuren Musikstunden doch gut sein.“
„Bille?“
„Hm?“
„Denkst du, Würstchen und Kartoffelsalat reichen auch für mich?“
„Ich weiß nicht, Sanne. Die Würstchen sind abgezählt, und Torsten und die Kinder sollen satt werden.“ Bille wiegt sorgenvoll den Kopf, dann prustet sie los. „Passt das denn zu deinem Schampus?“
„An Weihnachten passt doch alles zusammen, Bille. Lila, Silber, Gold und Bronze. Strohsterne und Plätzchen. Bienenwachskerzen und Wassereimer. Blockflöte und Gitarre. Würstchen, Kartoffelsalat und Champagner.“
„Sanne und Bille, trotz Völlerei und Konsum?“ Bille hebt die Augenbrauen und legt Strenge in ihre Stimme. „Pack dein Fläschchen ein, zieh dir was Gemütliches an und mach dich auf den Weg. Um halb sieben geht’s los!“


Frohe Weihnachten wünscht Ihre Ingrid Haag

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