Februar 2017: In mein erstes Textarbeitswochenende (TAW) mit 42erAutoren ging ich mit einem fast fertigen Romanprojekt und ohne Ahnung, was mich erwarten würde. Nach zwei Tagen, von denen zweieinhalb Diskussionsstunden exklusiv meinem Projekt gehörten, war die Frage „Ist das was?“ beantwortet. Unbedingt, fanden die Mittextarbeiterinnen, weiterschreiben!

Oktober 2017: Mein Roman war fertig und x-mal überarbeitet, das nächste TAW in Planung – am gleichen Ort, in gleicher Besetzung. Aber bei einer stand diese Form der Textarbeit gerade nicht an, eine andere würde es gesundheitlich nicht schaffen. Ich war dabei, Ehrensache! Mein neues Romanprojekt hatte ich längst im Kopf, die Figuren fingen an zu leben, der Plot kristallisierte sich heraus. Bis Februar würde ich massenhaft Zeit haben, alles aufzuschreiben.

Januar 2018: Höchste Zeit, in die Tasten zu hauen! Aber ein Romanlektorat stand an – von irgendetwas muss ich leben, außerdem unterhielt mich das Manuskript der jungen Frau vorzüglich. Meine eigenen Ideen waren so präsent, dass ich sie bestimmt schnell notiert haben würde. Ein Klacks.

Montag, 19. Februar 2018: Am Freitag sollte das TAW beginnen, und ich hatte kein einziges Wort aufgeschrieben. Zu Hause bleiben? Niemals, notfalls würde ich improvisieren. Schließlich hatte sogar C. zugesagt, die bis zuletzt nicht gewusst hatte, ob sie dabei sein können würde. Unser Fred zum TAW füllte sich mit Texten, und Druck sei Dank schaffte auch ich’s in letzter Minute, meine Ideen zu sammeln und den anderen zur Verfügung zu stellen.

Februar 2018: Los ging’s! Im ICE nach Mannheim las ich die Texte meiner Mitstreiter. K.s Projekt kannte ich aus dem letzten Jahr, C. schrieb über einen berühmten Philosophen, so schön, dass ich ob der Sprache beinahe den Inhalt überlas. P. verknüpfte Science Fiction mit Göttersagen, und J., der einzige Mann in unserer Runde, wollte eine Kurzgeschichte mit uns diskutieren.

Am Drehkreuz Mannheim-Hauptbahnhof traf ich C. und J., und eine Regionalzugstunde später brachte uns P. zum Ort des Geschehens, einem Weingut in der Pfalz, im Winter ein gemütliches Gästehaus zwischen kahlen Rebstöcken. Für Verpflegung hatte P. schon gesorgt – alles wie im letzten Jahr.

K. traf dank der Deutschen Bahn verspätet ein, und am frühen Nachmittag starteten wir mit der Kurzgeschichte. Nach anderthalb Stunden ließen wir die Diskussion in ein Psychodrama übergehen, das C. geübt moderierte. Wir mimten J.s Figuren, damit er beobachten und nachvollziehen konnte, wie sie sich fühlten. Am Ende hatte J. Blut geleckt: Er denkt ernsthaft darüber nach, seine Kurzgeschichte zu einem Roman auszubauen.

C. war die Nächste in der Runde. Sie schreibt über eine historische Persönlichkeit, einen Philosophen. Sprachlich auf blendend hohem Niveau, aber vielleicht auch deswegen an manchen Stellen ein wenig kühl. Wir überlegten gemeinsam, wo uns etwas fehlte und welche Formulierungen und Kniffe es gäbe, dichter an den Icherzähler zu rücken, der am Anfang des Romans noch ein Kind ist.

Den Abend verbrachten wir müde, aber voller Ideen im nahegelegenen Restaurant, und nach einem Schluck deutschen Whiskys aus J.s Fundus sanken wir nicht allzu spät in die Federn.

Den Samstagmorgen startete K. mit ihrem Projekt über einen Attentäter. Ein schwermütiges Thema, zu dem K. schon lange sehr viel recherchiert hatte. „Was könnte passieren?“ war nach einer grundlegenden Diskussion der Personen und der Ausgangslage unsere gemeinsame Übung, um ein Gerüst an Szenen zu schaffen, aus dem K. einen Plot bauen könnte.

Da mein Projekt ebenfalls einen dramatischen Hintergrund hat, nahm ich den Faden auf. Ich war noch bei meiner „Ist das was?“-Frage, da wusste C. schon, welche Schauspieler zu meinen Charakteren passten. Wir wogen Ideen ab, überlegten, was meiner zentralen Figur passiert sein und was die anderen Figuren antreiben könnte. Mein Projekt nahm immer weiter Gestalt an, ich notierte und notierte. „Was könnte passieren?“ spielten wir auch für mich. Und am Ende „meiner“ Stunden konnte ich sehr gut nachvollziehen, warum C. nach ihrer Session gestern Abend todmüde am Tisch gesessen hatte.

P.s Science-Fiction-Geschichte kam als letzte dran. Ich konnte dem Gespräch zunächst nur schwer folgen, da ich weder von Science Fiction noch von Göttersagen viel verstehe. Aber am Ende sind die Erzählbögen und Charakterbeschreibungen in guten Geschichten altbewährt, und nach kurzem Anlaufgeplänkel steckten wir in einer angeregten Diskussion über Antriebe, Superwaffen und den passenden Antagonisten aus der Schar der möglichen.

Mit einem Abendessen im wunderschönen alten Nachbarstädtchen ließen wir unser zweites Pfälzer TAW ausklingen. Durch den Ort flaniert waren wir zum Glück schon im letzten Jahr, denn dieses Mal war’s uns dafür zu kalt. Dafür begleitete uns P.s Gatte und ließ uns bei Cordon bleu, Ofenkartoffeln und Weizenbier vom Fass unsere Geschichten noch einmal erzählen – der Mann weiß, was Schreibende brauchen. Ein letzter Schluck Whisky aus J.s Flasche zurück im Weingut, und unser TAW war zu Ende.

Am Sonntagmorgen fuhren wir im Regionalzug zusammen nach Mannheim, schickten J. von dort aus in Richtung Potsdam, und wir drei Verbliebenen trennten uns später in Augsburg. Alle zusammen gewiss, dass wir uns gegenseitig helfen werden, weiter an unseren Projekten zu schreiben. Und dass wir im nächsten Jahr bestimmt wieder zum TAW in die Pfalz kommen!

Ihre Ingrid Haag

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(Der Artikel erschien am 14.3.2018 im Blog der 42erAutoren.)