Wir Deutschen sind Reiseweltmeister. „Reisen bildet“ behaupten wir und „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Ich hätte Stories parat …  Sie auch? Was der Himmel tut, „wenn Engel verreisen“, fällt mir gerade nicht ein. Ich fürchte, er weint. Wir hatten in diesem Sommer mehr als genug Himmelstränen, die meine Kreativität fortgespült haben. Mit der Grund, warum ich geflüchtet bin und im Spätsommer im Süden der Toskana über Klischees nachdenke.

Das Thema liegt nahe, es liegt zu meinen Füßen.

Italien ist Land gewordenes Klischee, die Toskana das Herzstück, hunderte Male beschrieben, gerne Hintergrund für Liebesgeschichten. Ich kenne kaum jemanden, der nicht lächelt, sobald der Name fällt und die Bilder im Kopf entstehen: Das Weingut, zu dem wir im Cabrio sonnenbebrillt und mit wehendem Haar die Zypressenallee hinauf fahren. Knorrige Olivenbäume, die das einsame, efeuberankte Steinhaus bewachen, vor dem wir in den Sonnenuntergang philosophieren, ein Glas mit tiefrotem Brunello oder Chianti in der Hand. Die Tafel, an der wir inmitten der Großfamilie – wahlweise mit der oder dem Geliebten – bei Pasta und Osso Bucco, Insalata Mista und Tiramisu bis spät in den Sternenhimmel feiern. Dolce Vita. Dolce Far Niente. Typisch italienisch. Sehen Sie es vor sich?

Mein eigenes Klischee ist anders.

Ich mag Italien nicht, davon war ich lange überzeugt. Die Italiener sind mir zu laut und zu kindisch. Ungewöhnlich, finden Sie? Eine gewichtige Rolle spielt ein Urlaub im Friaul, den wir vor Jahren vorzeitig abgebrochen haben. Den letzten Ausschlag gaben aber unsere früheren Nachbarn, ein junges Paar mit kalabrischen Wurzeln, das meine gestrengen Regeln für ruhiges Zusammenleben empfindlich gestört hat. Typisch italienisch!

Anders als die meisten Süddeutschen bin ich nicht mit Schulferien in Italien aufgewachsen. Unsere Eltern reisten ins Allgäu und nicht nach Bibione, Lignano oder Finale Ligure. Wir hatten Landluft und Langnese statt Sandstrände und Stracciatella. Genauso fern sind mir die allzeit hippen Kurztrips über die Alpen geblieben, für „das beste Eis der Welt“ an den Gardasee, für „superfrische Frutti di Mare“ an die Adria, zum Wochenendbummel nach Milano. Fragen Sie nach: Jeder Münchner hat den ultimativen Geheimtipp, wo Sie Wein, Olivenöl, Terrakotta oder original toskanisches Interieur gut und günstig kaufen können.

Jetzt sitze ich also vor dem Steinhaus,

neben mir schnarcht der Hund des Eigentümers. Ich bin immer noch misstrauisch, aber das Klischee in meinem Kopf beginnt zu verblassen. Nachdem die deutschen Sommer irgendetwas besser Ausgeleuchtetes zwischen Frühling und Herbst geworden sind und die politische Großwetterlage Fernreisen verbietet, hatte ich spontan Sehnsucht nach dem Paradies in Katzensprungnähe. Und tatsächlich, gleich hinter dem Brennerpass verzogen sich die Wolken, am Südende des Gardasees entdeckte ich die ersten Pinien und Zypressen und im Rückspiegel ein Lächeln in meinem Gesicht.

Die Fahrt hierher war lang, die italienischen Autofahrer kleben gerne an der Stoßstange, das Steinhaus liegt in einem Dorf und ist umschwärmt von angriffslustigen asiatischen Kampfmücken. Die ersten Abende waren kühl, die Nachbarn und die Hunde laut, das erste Antipasto Misto war aus dem Glas und die Bedienung unfreundlich. Typisch italienisch, oder? Finde ich auch. Genau wie das sahnige Eis (Pinolata – die Sorte müssen Sie probieren!) und die köstlichen Spaghetti Vongole, die entspannten Vermieter, die laue Luft, die Katzen und der Olivenbaum neben meinem Schreibplatz. Und die Wahnsinnsaussicht! Ich könnte ins Schwärmen kommen. Aber Sie haben die Bilder im Kopf, oder?

Ihre Ingrid Haag

(Der Beitrag erschien 2014 auf meiner Homepage.)

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